Little Cow (HU)

05.10.2007, Grüner Salon (Berlin)

Wenn es dieses Jahr eine Band aus Osteuropa wirklich geschafft hat, eine etwas breitere Aufmerksamkeit auch abseits der einschlägigen Osteuropa-Freunde auf sich zu ziehen, dann sind es Little Cow (”Kistehén” auf ungarisch) aus Ungarn. Sogar im alternativen Szene-Blatt “Intro” wurde dem Debut “I’m In Love With Every Lady” sehr wohlwollend gehuldigt. Auch von Seiten des Klub 40º wurden Little Cow gleich mehrmals unabhängig voneinander entdeckt. Als Klub-DJ Michał Anfang März diesen Jahres geheimnisumwoben kommunizierte “Ich habe auch ein paar Neuigkeiten erworben. Ihr werdet es ja sehen. In Tschechien und Ungarn tut sich etwas”, war schon klar, dass er Little Cow entdeckt haben musste: das Erscheinen der CD auf dem deutschen Markt durch das kleine, sympathische Label EastBlok Music, hat schon sowas wie einen kleinen Einschlagkrater in der einschlägigen Medienwelt hinterlassen!

Seitdem also die Erstveröffentlichung bei uns zu haben ist, haben sich einige Songs von Little Cow bereits fest in das Klub-Programm integriert. Erst jetzt im Herbst gab es die Gelegenheit zu einem Live-Konzert mit den Neuankömmlingen des Jahres im Grünen Salon der Volksbühne zu Berlin.

Die Anordnung der 6-köpfigen Band war gleich mal hochinteressant: links stand eher die Konfirmanden-Fraktion, bestehend aus Róbert Farkas Harcsa (Akkordeon), Péter Dorogi (Akustikgitarre) und Frontsänger László Kollár (auch E-Gitarre). Rechts versammelte sich der wildere Teil der Band in Form von Sándor Kiss am Bass, sowie János Nádasdi an den Percussions, der auch noch singt und die human beatbox gibt. Sándor Kiss kann man sich mit den langen schwarzen Harren und dem ausgeprägten Schnauzer wie den Sänger von Dshingis Khan Leslie Mandoki in jüngeren Jahren vorstellen. János Nádasdi zeigte schon durch sein tief geschlossenes lassiges weisses Leinenhemd und eine potentiell starke Bühnenpräsenz an, was sich dann auch genauso erfüllen sollte. Sowohl geographisch, als auch optisch vermittelnd befand sich in der Mitte der Schlagzeuger Károly Lehoczki.

Musikalisch befanden wir uns bis zur Zugabe in sehr angenehmen poppigen mit Reaggae- und Ska versetzen Stücken, die oftmals speziell durch das Akkordeon in Richtung bester ungarischer sogenannter “Zigeunermusik” veredelt wurde. Die Songs von Little Cow sind mehrheitlich recht einfach strukturiert, haben aber einen nicht zu unterschätzenden Ohrwurmcharakter. Die Stimme des Sängers László Kollár klingt über weite Strecken recht einheitlich etwas melancholisch, was einen schönen Kontrapunkt zu den meist absolut tanzbaren Rythmen der Bandgenossen setzt. Die menschliche beatbox János Nádasdi lockerte den Gesang des Frontsängers an den passensten Stellen auf, allerdings etwas zurückhaltender, als auf der CD. Dieses Beatboxing darf man sich nicht im herkömmlichen Sinne vorstellen, wo durch die Stimme sozusagen ein Schlagzeug imitiert wird, sondern durch die Einstreuung lautmalerischer Silben, ähnlich wie bei vielen Ska-Bands (nur mit deutlich mehr Varianz) der Gesang stimmungsmachend unterstützt wird. Spätestens bei dem auch durch die Promo-CD etwas bekannteren Song “Viragok A Reten” hatte Little Cow den allergrössten Teil des Publikums auf ihrer Seite (bis auf den Teil, der Opfer des extrem schnarchigen Thekenteams des Grünen Salons geworden ist...)

Nachdem es also während der Hauptvorstellung von Little Cow noch recht gesittet zu ging, gab es dann bei den Zugaben für die Band und auch für das Publikum kein Halten mehr: musikalisch explodierten Little Cow förmlich mit einem Satz nahtlos aneinandergereihter Songs, in denen sich offenbar alle Stile vermischten, die man sonst nicht unbedingt zum Grundrepertoire zählt. Plötzlich gab es astreinen Ska, treibende Disco-Rythmen, Rock und schliesslich sogar eine Polka-Punk-Einlage, die das Publikum schwer in Rage brachte.

Insgesamt hatte die Zugabe den Charakter von vielleicht nicht ganz ernstgemeinten Spass-Songs, die aber direkt in die Beine gingen. Dass diese etwas schräge Seite der Band so gar nicht auf der CD zu finden ist, leitet etwas auf die falsche Fährte, wenn man deswegen nach dem Konzert die CD erworben hat. Dennoch, oder gerade deswegen kann man Litte Cow eine absolut uneingeschränkte Live-Empfehlung geben. Fazit: Konzert-Befehl! (mcb)

 
Zuletzt geändert: 2010/07/09 10:55