Hertz 87,9 Mixtape

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Lieber Mixtape-Mitschneider,

Du hast das “Klub-40°-mittsommermix-Tape” aufgenommen, das mit viel Liebe gestaltete Cover ausgedruckt und ausgeschnitten und hälst nun eine Kassette mit hochwertiger Musik aus Osteuropa in den Händen. Dazu wollen wir Dir herzlich gratulieren! Denn nun besitzt Du den idealen Soundtrack für kurze Sommernächte und lange Grillabende. Die DJs und DJki von Klub 40° haben ihre Musik-Sammlungen nach den interessantesten Songs durchsucht und ihre persönlichen Lieblingslieder zur allgemeinen Freude und Erbauung hier zusammengetragen. Da Dir die Gruppen und die Titel, und die Sprachen und die Länder wahrscheinlich gar nichts sagen, haben wir uns die Mühe gemacht, die Lieder kurz vorzustellen, damit Du wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon bekommst, worum es darin geht.

Viel Spaß beim Hören und Lesen und Tanzen und einen langen Sommer wünscht Klub 40°!

Seite A

1. Hladno Piwo: Zimmer frei
Herkunft: Zagreb (HR), Album: “Šamar”, 2003

Ein witziges Lied über die nicht immer ganz so witzigen Urlaubsgewohnheiten der Deutschen an der Adria.

2. Markscheider Kunst: Красиво слева
Markscheider Kunst: Krasivo sleva (Von links her ist es schön)
Herkunft: Sankt Petersburg (RUS), Album: “Krasivo Sleva”, 2003

Petersburg vs. Kingston Town! Markscheider Kunst beweisen, daß auch in der nördlichen russischen Metropole der Neva-Strand golden leuchtet und die weißen Nächte für ein sonniges Gemüt sorgen.

3. Koniec Świata: Kino MOCKBA
Herkunft: Katowice (PL), Album: “Kino MOCKBA”, 2004

Das Titelstück des letzten Albums der Rock-Punk-Ska-Gruppe Koniec Świata (zu deutsch “Weltuntergang”). In einem netten Rhythmus fließt hier die Beschreibung einer Stadt dahin, in der sich viel ändert, aber irgendwie auch nicht wirklich. Das “Kino Moskau” ist die Projektionsfläche für die verfallene, ungeliebte Vergangenheit. „Uciekaj z kina Moskwa!“ (Fliehe aus dem Kino Moskau!“)

4. Воплi Вiдoплясова: Весна
Vopli Vidoplyasova: Vesna (Frühling)
Herkunft: Kiew (UA), Album: “Музiка” (Muzika), 1997

„Vesna“ aus dem Jahre 1997 ist das bekannteste Lied der bekanntesten ukrainischen Gruppe Vopli Vidoplyasova oder einfach kurz „VV“. Das Lied steht in der Tradition der alten ukrainischen heidnischen Frühlingslieder, in denen nach dem langen Winter der Frühling und das neue Leben willkommen geheißen werden. Musikalisch werden mit brachialen Crossover-Elementen das Erwachen der Natur und der Neubeginn zum Ausdruck gebracht. Ein Klassiker, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt („Bui, bui, bui...!“) und durch das Akkordeon verzaubert!

5. Ленинград: Без тебя
Leningrad: Bez tebya (Ohne dich)
Herkunft: Sankt Petersburg (RUS), Album: “Пираты XXI века” (Piraty XXI veka), 2002

Wenn man auf russisch fluchen lernen will, dann sollte man sich die Lieder von Leningrad anhören! Leningrad waren die erste Band, die die russische Fluch- und Tabusprache des Underground, den Mat, salonfähig gemacht haben und ihn immer wieder in ihren Liedern einsetzen. Der Refrain lautet: “Bez tebya pizdets” – ohne dich ist alles “am Ende”. “Pizdets” ist von “pizda” abgeleitet, das die weiblichen Genitalien bezeichnet und eines der konstitutiven Worte des Mat ist. “Pizdets” bedeutet: irgendetwas ist endgültig zu Ende und es kann gar nicht mehr schlimmer kommen. (Das männliche Genital heißt übrigens “Khuy”).

6. В. Бутусов/Ю-питер: Девушка по городу
V. Butusov/Ju-piter: Devushka po gorodu (Das Mädchen in der Stadt)
Herkunft: Sankt Petersburg (RUS), Album: “Имя рек” (Imya rek), 2003

Dieses Lied repräsentiert sehr gut den aktuellen russischen Rocksound. Mit lockerem Rhythmus, dramatischen Gitarren und schnarrendem Gesang wird die Geschichte von einem Mädchen erzählt, das im Frühling barfuß durch Sankt Petersburg schlendert und von einem jungen Mann hinter einem Fenster beobachtet wird. Ja, ja, die Liebe... “Jupiter” ist die neue Band des Sängers Butusov. Seine alte Band “Nautilus Pompilius” hat den Soundtrack zu dem russischen Mafia-Kultfilm der 90er Jahre “Брат” (”Brat”; “Der Bruder”) geschrieben, und dürfte deshalb vielleicht einigen Cineasten ein Begriff sein.

7. Myslovitz: Fikcja jest modna (Fiktion ist modern)
Herkunft: Mysłowice (PL), Album: “Happiness Is Easy”, 2006

Polens derzeit bekannteste Band im Britpop-Stil, den man, um Verwechslungen zu vermeiden, besser als Pol-Pop bezeichnen sollte. Der Band fiel nichts Besseres ein, als sich nach ihrem schlesischen Heimatort zu benennen.

8. Jaroslaw: Jestem niczyj (Ich gehöre zu niemandem)
Herkunft: Bielefeld (D), Album: “Universal Party Lover”, 2004

“Jaroslaw” sind Bielefelds führende und grandiose Pol-Pop-Band! Schaut doch selbst: http://www.jaroslaw.co.uk/.

9. Элизиум: Альпинист
Elysium: Alpinist (Bergsteiger)
Herkunft: Nizhny Novgorod (RUS), Album: “Все острова!” (Vse ostrova!), 2002

Auch mit Fun-Ska-Punk kann man Gipfelromantik in Lieder packen. “Wir tanzen Reggae in einer riesigen Höhe und springen anschließend in die Dunkelheit hinab.” Na denn: Berg heil!

10. Lumen: Харакири
Lumen: Kharakiri (Harakiri)
Herkunft: Ufa (RUS), Album: “Без консервантов” (Bez konservantov), 2003

Dieser Song ist ein wundervolles Beispiel dafür, wie man sich ein grandioses Lied zusammenklauen kann. Text und Musik kommen von der legendären linken sowjetischen Underground Band Грaжданская Оборона(Grazhdanskaya Oborona), die in den 80er Jahren als linke Kultband auch in Westeuropa in einschlägigen Fanzines beachtet wurde). Das alte, sich etwas schleppend dahinziehende Lied wurde mit einem peitschenden Schagzeug beschleunigt und mit Elementen von Blurs „Song #2“ aufgemotzt. Aber das Lied ist wirklich gut! Kurz und schnell und mit der eindeutigen Punk-Botschaft, daß es, wenn das Leben beschissen ist, im Grunde nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder man bringt sich selbst um oder andere. Oder man tut gar nichts und bleibt der, der man war.

Seite B

1. Magnifico & Turbolentza: Hir ai kam, hir ai go
Herkunft: SLO, Album: V/A, “Balkanbeats”, 2005
Der Musiker und Schauspieler Robert Pešut ist einer der größten und kontroversesten Stars Sloweniens. Unter dem Namen „Magnifico“ tritt er als Karikatur eines schmierigen jugoslawischen Zuhälters auf. Mit „Hir ai kam, hir ai go” ist Pešut ein clubtauglicher Mix aus Surf-Sound à la Dick Dale, Dancebeats und Balkan-Gebläse gelungen, der als Sommerhit der anderen Art die italienischen Charts knackte. Der Song findet sich auf dem Balkanbeats-Sampler von Eastblok Music.

2. Bucovina Club vs. Taraf De Haidouks: Carolina
Herkunft: Frankfurt (D), Clejani (RO), Album: V/A, “Bucovina Club Vol. 1”, 2003

Die um einige Frivolitäten ergänzte Gypsie-Variante von Shaggys erstem Dancehall-Smash-Hit “Oh Carolina”. Auch ohne Kenntnisse der rumänischen Sprache leicht verständlich... Remix von DJ Shantel aus Frankfurt.

3. Balkan Beat Box: Meboli
Herkunft: New York (USA/IL), Album: “Balkan Beat Box”, 2005

Die Balkan Beat Box ist ein New Yorker-Künstler-Kollektiv und ein typisches Produkt des amerikanischen melting pots. Man nehme ein paar extrem gute Musiker mit unterschiedlichen Migrationshintergründen (Rumänien, Israel, Nordafrika), ihre familiären musikalischen Wurzeln, den modernen Sound der Großstadt und heraus kommt eine ziemlich wilde Mischung, die einen unmittelbar am Tanzbein packt. Im Februar dieses Jahres haben Balkan Beat Box dies im Forum aufs beste unter Beweis gestellt.

4. Kal: Duj, duj
Herkunft: Belgrad (SCG), Album: “Kal”, 2006

Kal sind eine Roma-Band aus Belgrad. Verwurzelt im Balkan Blues, Rock’n’roll in der Grundhaltung, angetrieben von urbanen Beats ist ihre Musik eine Vermischung von traditioneller Roma-Musik mit zeitgenössischem Dancefloor. Die Brüder Dushan und Dragan Ristic, der eine Theaterproduzent, der andere Künstler, gründeten die Band, um den auf dem Balkan gängigen negativen Vorurteilen und Klischees gegenüber Roma und ihrer Musik etwas entgegen zu setzen: „I hope we set an example of young Roma musicians using beats but staying true to Romani culture and music“.

5. Besh o droM: Meggyújtom a pipám
Herkunft: Budapest (H), Album: “Gyi!”, 2005

Der Bandname bedeutet in der Sprache der Roma “Geh Deinen eigenen Weg”. Das Budapester Kollektiv um den Jazz-Saxophonisten Gergő Barcza und den Drummer Ádám Pettík schöpft aus dem musikalischen Reichtum des gesamten Balkans und angrenzender Regionen. Jazz-Rock-Rhythmen und Breakbeats treffen auf folkloristische Elemente, Bläser und klassische Folklore-Instrumente erweitern die Rockband-Besetzung. Längst sind Besh o droM aus der osteuropäisch inspirierten Clubkultur nicht mehr wegzudenken. “Meggyújtom a pipám” ist auf dem Sampler „Balkanbeats“ von Eastblok Music veröffentlicht.

6. Zdob Şi Zdub: Ruţa-ruţa
Herkunft: Chişinău (MD), Album: “450 de oi”, 2003

Das zweite Lied von Zdob Şi Zdubs letztem Album „450 de oi“ (450 Schafe) ist eines der Lieder das für die Vielseitigkeit dieser osteuropäischen Ausnahmeband steht. Sowohl von der Musik als auch vom Text her wird hier der Brückenschlag zwischen den Kulturen gemacht. Rapgesang, Hardcore-Rhythmen und moldawische Folkloreelemente verbinden sich zu einem wahren Crossover. Im Text werden auch genau die Pole besungen, zwischen denen sich die Band bewegt oder besser bewegen möchte: Amerikanischer Pop-Kultur, rumänischer Roma-Ensmebles (”Fanfare Ciocărlia”, “Taraf de Haidouks”) und moldawischer Landeskunde: “I like retro – muzica ethno!”

7. Kultur Shock: Nightmare
Herkunft: Seattle (USA), Album: “Kultura-Diktatura”, 2004

Ost-westlicher Crossover von der anderen Seite des Atlantiks. Kultur Shock kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, leben aber nun in den USA. Sie vermischen Balkan-Melodien mit Hardcorelementen und lassen dabei ordentlich den Knüppel aus dem Sack!

 
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Zuletzt geändert: 2010/07/09 10:54