Zdob Şi Zdub (MD)

20.10.2006, Malersaal des Schauspielhauses (Hamburg)

Es ist eine Schande: Zdob Şi Zdub, unsere Musikhelden aus der Republik Moldau kommen hierzulande und auch im nahen befreundeten Ausland einfach nicht aus ihrem Untergrunddasein heraus! In Ihrer Heimat sind Zdob Şi Zdub die unangefochtenen Superstars und Exportartikel Nummer Eins, und sie müssen in Polen bei Einkaufszentrumseröffnungen ihre Brötchen verdienen. In Deutschland reicht es bislang auch nur zu Auftritten bei typischen Weltmusikfestivals, wo sie aber immer etwas deplaziert gewirkt haben. Zdob Şi Zdub haben mit ihrem unverwechselbaren Stilmix aus Folk, Punk, Elementen aus HipHop und jede Menge hitverdächtiger, direkt in die Beine gehender Melodien aber das Potential, auch mal ganz einfach ohne den Weltmusik- und Pseudointellektuellenkontext auf der Bühne eines klassischen Musikklubs (wir zum Beispiel dem Forum in Bielefeld) zu stehen und die Bude derbe zu rocken.

Wie sowas aussehen könnte, zeigte der Auftritt von Zdob Şi Zdub während des Themenabends “Planet Moldau?”, der innerhalb der vom Kulturprojekt relations organisierten “docking tour 01 - Bilder des Ostens” im Malersaal des Schauspielhauses Hamburg stattfand. Unter dem Motto “Kunst, Text und Musik aus dem östlichen Europa treffen auf deutsche Realitäten” gab es ein zumeist sehr interessantes und kurzweiliges Programm aus Lesungen und Performances zum Thema Moldau dessen Höhepunkt (zumindest für mich) gegen 22:20 der Auftritt von Zdob Şi Zdub darstellte. Doch leider wurde der Rahmen des Konzertes dem Status der Band in ihrer Heimat gar nicht gerecht. Das ist auch fast logisch zu erklären, denn es handelt sich um eine intellektuell besetzte kulturelle Veranstaltung, wo Zdob Şi Zdub ein wenig Platz zum Spielen bekommen haben, aber kein ausgewachsenes Zdob Şi Zdub-Konzert. Dementsprechend wurde auch nicht weitergehende Werbung für das Konzert gemacht, oder irgendwelche Informationen zur Band gegeben. Trotzdem tut es einem schon leid, zu sehen, wie die Jungs auf so einer Veranstaltung sozusagen mal nebenbei verheizt werden.

Die Anzahl der Gäste blieb während des Abends überschaubar. Es tummelten sich natürlich die Kulturschaffenden des Abends, deren Organisatoren, junge Genossen aus dem Osten, (deren weibliche Vertreter durch die Bank so aussehen, als könnten Sie jederzeit spontan Miss Universum werden) und fast schon hysterische mittelalterliche ZDF-Mitarbeiter, womöglich Redakteure, die das alles ganz chique fanden und mal für etwas alternativen Gesprächsstoff für die nächste Stehparty suchten. Pünktlich kurz vor dem Konzert tauchten dann noch ein paar halbjunge Rocker auf, die auf den ganzen Kulturkram geschissen haben und einfach nur derbe abzappeln wollten.

Tatsächlich kam dann zu Beginn des Konzertes so etwas wie echte Musikklub-Atmosphäre auf: Der Malersaal ist recht überschaubar, wurde aber durch die Anwesenden nicht annähernd gefüllt. Die Bühne für Zdob Şi Zdub war extrem niedrig und es gab auch keine demilitarisierte Zone, so dass man ganz nah an seinen Stars sein konnte. Man hatte ein wenig den Eindruck einer kleinen Record-Release-Party unter Freunden. Nur das Rauchverbot und das in Plastikbecher umgefüllte Bier war etwas kontraproduktiv aber durchaus nachvollziehbar.

Auf dem Folklore-Festival in Krefeld anno 2005 kleideten sich Zdob Si Zdub noch ganz weltmusikkonform in das traditionelle Tuch ihrer Heimat, worauf an diesem Abend fast komplett verzichtet wurde. “Fast” nur weil Sänger Roman Iagupov dann doch nicht auf seinen Gebetsteppich-Lendenschurz über der roten Trainingshose verzichten wollte! Als Dekoration hing hinter der Band in lebensgross das Cover der immer noch aktuellen CD “450 de oi”, mit dessen Titelstück es dann auch sofort in die Vollen ging. Der Bass hämmerte, Hirtenflöte und Trompete zogen an den Ohren, aber leider war von den fundamentalen Gitarrenbrettern die Zdob Şi Zdub an den strategisch passensten Stellen in ihren Songs plaziert haben so gut wie nichts zu hören. (Über die möglichen Gründe will ich hier gar nicht weiter spekulieren, aber wenn man sich den Malersaal mal mit seinen vollkommen nackten Betonwänden ansieht, kann man schon auf die Idee kommen, dass dieser Raum akustisch wohl eher zu den Schwierigen gehört, gerade, wenn nicht so rasend viele Leute vor Ort sind). Das war sehr schade bis ärgerlich, aber halt nicht zu ändern. Dafür hat man gemerkt, dass Zdob Şi Zdub an diesem Abend nicht viel Zeit haben: ein Hit jagte den nächsten (obwohl die Band auch ruhigere Songs im Angebot hat) und die Sau durch den Malersaal! Schon bald bildete sich sogar eine kleine Pogogrube, in der der hiesige Haus-und-Hof-Fotograf öfters mal verloren ging und sich die männlichen Genossen die T-Shirts vom Leib rissen (man sagt, dass sei wohl typisch auf russischen Rockkonzerten). Ein potentieller Moldawier in traditionellen Outfit praktizierte den rythmischen Hochsprung aus dem Stand und ist dabei fast höher, als die Gitarre des Bassisten gekommen, der ebenjene fast auf Halshöhe spielte. Ein herrliches Bild! Genau vor mir hat sich eine ordentlich gekleidete Mitfünfzigerin mit unangenehmen Parfum über eine halbe Stunde ganz beeindruckend verausgabt und mich gelegentlich auch schonmal fast umgehauen. Nach etwa 45 Minuten verschwand die Band bis auf Sänger Roman Iagupov von der Bühne, der nun an dem Abend erstmalig mit einer Gitarre bewaffnet an einer herzzereissenden Ballade gezeigt hat, dass der auch richtig gut singen kann. Wahrscheinlich gab es noch eine Zugabe, aber aufgrund der Beschränkungen des hiesigen öffentlichen Personennahverkehrs war nach diesem Lied für mich leider Schluss (ansonsten hätte ich mich bis 5 Uhr morgens in irgendeiner Spelunke am Tresen festschnallen müssen, soweit geht die Liebe zu Zdob Şi Zdub dann noch nicht).

Meine Überraschung des Abends war eine Cover-Version von Воплi Вiдоплясова (kurz VV) und zwar jenes Lied, das unser offizielles Klubmotto darstellt: Там будут танцi! So soll es sein! (mcb)

 
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Zuletzt geändert: 2010/07/09 10:55