28.03.2009 im TreibsAND in Lübeck
Indie-Konzert-Tourismus ist eine ganz prima Sache, weil man zum einen neue Städte und Veranstaltungsorte kennenlernt und zum anderen seine Lieblingsbands sieht. Sonst würde man ja nicht reisen, oder?
Und so haben sich die beiden Klub 40°-DJki auf den Weg in den Norden gemacht, um die ukrainischen PERKALABA in Lübeck im TreibsAND zu sehen. Das TreibsAND ist das Lübecker Pendant zum Bielefelder AJZ, wo mit Herzblut ein wunderbares alternatives Kulturprogramm veranstaltet wird. Aber im Gegensatz zu unserem doch etwas abgelegenen AJZ liegt das TreibsAND direkt am Rande der pittoresken Lübecker Altstadt mit all ihren kleinen, malerischen Gässchen und Winkeln und Backsteinkirchen und stellt einen sehr beruhigenden Kontrast zu der ansonsten unwirklich anmutenden Idylle dar.
Aber wer ist die Band, für die man extra aus Berlin und Bielefeld angepilgert kommt? Perkalaba gehören mit zu den für das westliche Ohr so spannenden osteuropäischen Ethno-Crossover-Bands. Man könnte ihnen das Prädikat “Ukrainischer Avantgarde-Folk-Rock-Ska-Humpa-Psycho-Punk” verpassen. Perkalaba knüpfen an die Musiktraditionen der Hutzulen (einer Volksgruppe in den Karpaten) an, schnappen sich aber auch noch den Sound von Reggae, Punk und Ska und entwickeln dabei eigene geniale Nuancen. Ihre Texte bestehen aus Folklore und Alltagsbeschreibungen, die in Wortspielereien manchmal ad absurdum geführt werden. Auf der Bühne bestechen PERKALABA durch die expressive, exzentrische Performance ihres Sängers Andriy Fedotov. Die Band kommt aus der Westukraine, aus der Stadt Ivano-Frankivs’k, hat sich aber nach einem Karpaten-Dorf benannt. Mittlerweile können PERKALABA auf eine 10jährige Bandgeschichte und drei Alben zurückblicken. Zwei Lieder haben sie zum ukrainischen Sampler “Ukraine do Amerika” aus Wladimir Kaminers “Russendisko”-Reihe beigesteuert.
Der Samstag (28.03.2009) war wohl für Lübeck nicht der perfekte Konzert-Abend. Am gleichen Tag musste im kalten Regen gegen einen Naziaufmarsch demonstriert werden, so dass abends nur noch ca. 80 Leute ihren Weg ins TreibsAND fanden. Der Laden war aber dennoch ganz gut und angenehm gefüllt. Von seiner Grundfläche ist das TreibsAND nicht allzu groß, hat aber eine gute Höhe, so dass auf der linken Seite über der Theke eine Galerie und auf der rechten Seite eine Sitztreppe eingebaut sind. Bei der Ankunft und dem ersten Bier verriet einem der Blick auf die hohe Bühne, dass es keine Vorband gab, da die Instrumente und vor allem das Hackbrett von PERKALABA schon dort standen. Musikalisch wurde auf den Abend zuerst mit Reggae und Ska und dann mit dem Odessa-Beat von LA MINOR eingestimmt.
Dass es keine Vorband gab, war überhaupt nicht schlimm, haben PERKALABA doch über 1,5 Stunden gespielt und ein ordentlich strukturiertes Set mit einer guten Dramaturgie abgeliefert. Los ging es mit ein paar ruhigen Nummern vom brandneuen Album “Chydro”, bei denen der Sound noch per Zeichen an den Mischer eingestellt wurde. Man selbst konnte sich auch ein wenig auf die Band einstellen. Schön ist, dass die Jungs optisch ein äußerst heterogenes Bild abgeben: da ist zum einen die “Pölter”-Fraktion bestehend aus dem Bassisten, der seinen Bass schön auf Achselhöhe spielt, dem Hackbrettspieler und dem Sänger. Der Gitarrist gehörte mit seiner engen karierten Hose und seinem gestreiften Sacko mehr zur grotesken Ska-Punk-Fraktion, während der Trompeter mit Bundfaltenhose, Krawatte und Hemd schon ziemlich typisch ukrainisch aussah. Und da der Drummer nun einmal immer hinten sitzt, weiß ich nur noch, dass er ein schickes Hütchen auf hatte. Mit einem Wort: PERKALABA sind definitiv keine Boyband. Gut so!
Trotz äußerlich heterogenem Erscheinungsbild liefert die Band in ihrem Verhältnis Band-Sänger ansonsten ein einheitliches Bild ab. Während die Band konzentriert vor sich hinspielt, übernimmt Andriy Fedotov die Performance, und zwar “richtige” Performance. Mit weit aufgerissenen Augen wird das Nichts anvisiert. Einige Lieder sind pantomimisch auschoreographiert. Das exzentrische Spiel und die expressive Mimik werden nicht durchgehend beibehalten - sonst wäre es auch zu befremdlich - sondern gezielt eingesetzt. Das alles ist schon ziemlich ungewöhnlich. Fedotov singt mit einer tiefen Stimme, die typisch ist für russischen Rockgesang und irgendwie nach Verzweiflung und Vodka (pardon Horilka) klingt (dabei wurde auf der Bühne nur Wasser und Matebrause konsumiert). Daneben gibt es aber auch archaisch anmutende heterophone Berggesänge, die von einem Karpatengipfel zum anderen herüber zu hallen scheinen. Jedenfalls hat Andriy Fedotov das Publikum ziemlich in der Hand.
Schlagzeug, Gitarre und Bass sind die musikalische Rock-Basis der Band, die Ska-Trompete steht sehr präsent im Raum, Gesang und Performance sind abgedreht und exzentrisch, aber über allem schwebt klirrend, entrückt das Karpaten-Hackbrett, das der ganzen Musik eine flüchtige Nuance verleiht. Das Hackbrett oder auch Cymbal ist typisch für die ukrainische Karpatenregion und die Musik der Hutzulen.
Nach den ersten ruhigen Liedern steigerten PERKALABA langsam das Tempo. Es gab gut eingestreute musikalische Kracher im Humpa-Takt zum Springen und Durchdrehen. Die Musik hat aber nicht immer den Einheits-Humpa-Gaga-Sound. Sie packt definitiv am Tanz-, aber nicht immer am Sprungbein. Das konnte man unter anderem daran sehen, dass die besoffene Pogo-Rüpelfraktion nicht durchgehend zum Zuge kam, während die Mädchen glücklich durchtanzten. Die DJki leisteten auch ihren Beitrag, aber bei rockigen Herzbrechliedern musste ich auch einfach mal stehen bleiben und darauf achten, wie der Karpatenvirus mich wieder befiel und das Herz zum Stillstand und die Tränen in die Augen brachte. Die Stimmung war jedenfalls ausgelassen. Einige alte Hits und Kracher vom ersten Album “Horrrry” wurden durch den Live-Wolf gedreht und einfach als Medley mit gedrosseltem Tempo präsentiert. Das tanzbare Auf- und Ab wurde dann nach gut einer Stunde wieder gedrosselt und somit das Publikum wieder auf den Boden geholt. Natürlich wurde am Ende lautstark eine Zugabe eingefordert, die aber wieder ruhig und dramatisch ausfiel, so dass man die Band anschließend guten Gewissens in ihren Feierabend entlassen konnte. Wir brauchten nach dem schönen Konzert jedenfalls noch ein paar Kaltgetränke, um nicht wieder zu schnell auf die Erde zurück zu kommen und noch ein wenig in den nicht irdischen Sphären zu verweilen.
Fazit: Es war ein wunderbares Karpaten-Crossover Konzert, das durch seine musikalische Meisterschaft, sein subtiles Spiel mit der Folklore und vor allem durch die Performance überzeugte!
Und nach diesem Höhepunkt der Reise konnten sich die DJki am Sonntag dann dem anderen Lübeck-Krempel widmen – Buddenbrook-Haus und Marzipan. Wir kommen wieder! Lübeck und das TreibsAND sind definitiv eine Reise wert!
Anhang: Playlist (erobert von DJka Partyzanka)
Fotos:
http://www.treibsand.net/Galerie/Show2009/Perkalaba/index.htm
Hinweise:
http://perkalaba.com.ua/
http://www.last.fm (Alben zum Hören und teilweise auch zum Runterladen)
CD-Erwerb:
http://www.pigasus-shop.de/
(kl) (04/2009)