La Minor (RUS)

18.05.2006, Alhambra (Oldenburg)

Wir sind gerade mit unserem verbeulten Atom-U-Boot in den Hafen von Odessa eingelaufen. Nach 6 monatiger Manöverübung vor Kuba freuen wir uns auf den Landurlaub und den Vodka. Die Kehle ist trocken, es ist kalt und wir stehen vor der üblesten Hafenspelunke, die die Welt jemals gesehen hat. Durch die Fenster dringt kaum Licht, ab und zu Lachsalven eindeutig schwer alkoholisierter Genossen. Die Tür hängt desolat in den Angeln, mit einem auffälligen Knarren treten wir ein. Das Licht bleibt schummrig, ein Ofen bollert vor sich hin und die Lungen füllen sich sofort mit dem Rauch der totbringenden russischen Zigaretten. Die ersten paar Atemzüge schmerzen noch, die Augen tränen und erst schemenhaft dann immer deutlicher erkennen wir die Umrisse der anderen Genossen. Erstmal eine rauchen. An der Theke haben sich 3 weitere Matrosen mit ihren Gürteln festgeschnallt. Die Arme stützen den schwermutsvollen Kopf und drohen, fast unter seinem Gewicht zu zersplittern. Eine Armada leerer Vodka-Flaschen zeugt von den verzweifelten, sowie hoffnungslosen Versuch die Erinnerung an eine verlorene Liebe im letzten Hafen herunterzuspülen. An den Tischen sitzen dunkle Gestalten mit ausgebeulten Taschen. Es werden Karten gespielt und gewürfelt. Manch ein Hafenarbeiter wird hier heute Nacht seinen Lohn entweder verspielen oder versaufen, meistens beides. Ein paar gelangweilte, kettenrauchende Kurtisanen warten auf Kundschaft, streng beobachtet von den dunklen Gestalten mit den ausgebeulten Taschen. Wir bestellen Vodka. Erst jetzt bemerken wir eine Gruppe von Musikanten im arg ramponierten Seemannsoutfit: Ein Saxophon, kleines Schlagzeug, Kontrabass und Akkordeon. Wir hören einen Tango und ein Lied über verschmähte Liebe. Wir trinken unseren Vodka. Der erste nach 6 Monaten, ätzt sich brennend durch die Speiseröhre, um dann mit der Magensäure dieses warme, angenehme Gefühl in der Magengegend zu erzeugen. Es gibt keine Gurken. Wir bestellen die nächste Runde und fragen nach der Band. Der einarmige Wirt mit einer fiesen Narbe quer über dem Gesicht und einer tätowierten Meerjungfrau am Hals antwortet knapp: La Minor aus St. Petersburg.

Also so in etwa könnte man sich das typische Umfeld von La Minor vorstellen, wenn man deren oftmals als “Odessa Beat” betitelte Musik zu hören bekommt. Nun ist das Alhambra in Oldenburg zwar nicht gerade eine miese kleine Hafenspelunke, und viel dunkles Gesindel treibt sich dort auch nicht rum, dafür ist es eine der letzten linksten Bastionen mit echter Volxküche. Das Alhambra gleicht von Innen einer grossen alten Scheune Blick bis unter die Dachgiebel. Trotzdem sehr gemütlich, dennoch für eine Gruppe wie La Minor fast schon zu groß. So sahen die 4 Genossen aus St. Petersburg auch erst etwas verloren auf der Bühne aus, wie sie da vor dem obligatorischen menschenleeren Halbkreis standen, wohinter sich mit kritischem Abstand erstaunlich viel und bunt gemischtes Publikum eingefunden hat. Doch das sollte sich schon bald ändern. Klub 40º DJ eGor hat La Minor bereits in Nürnberg gesehen und einen recht enormen Langeweilefaktor bescheinigt. Da war ich also mal gespannt und nachfolgend sehr positiv überrascht von der musikalischen Diversität. Tatsächlich bestand ein großer Teil des Sets aus jenen bereits genannten schwermütigen Weisen, wie sie eigentlich nur einer russischen Seele entspringen können. Aber es gab auch waschechte Tango- und Walzerrythmen zu hören und ganz bemerkenswerte äußerst klubtaugliche dorfhochzeitspolkaeske Knaller, die schon mal an Leningrad mit subtrahierter E-Gitarre erinnern können. Und so ein kleines bisschen können La Minor wohl auch den Ska, wie das letzte Lied vor der Zugabe zu beweisen wusste. Die Bühnenpräsenz erinnerte gerade bei den etwas schnelleren Stücken nicht zu unrecht an die ultracoole räudige Straßenkater-Jazz-Kombo aus dem Walt Disney-Klassiker “Aristocats”, auch wenn La Minor jetzt nicht gerade die Bühne zum Einsturz gebracht haben. Einer der Höhepunkte des Konzerts war sicher die vokale Darbietung des gnadenlos charismatischen Akkordeon-Spielers Sanja Ezhov, wogegen der eigentliche Sänger der Band Slava Shalygin tatsächlich auf die Dauer etwas farblos herüberkam.

La Minor fanden in den Oldenburger Alhambra-Besuchern ein dankbares Publikum: Schnell war das Eis gebrochen (in OWL dauert das bisweilen bis zur Zugabe...), wurde zum Tango geschwoft, zum Walzer rotiert und zu den schnelleren Stücken amtlich abgezappelt. Das sieht man gerne! Zitat von Konzertkumpel Dr. Friedhelm A. aus O.: “Das klingt ja alles wie ein einziges Sauflied!”. Nur einzig die Vodka-Versorgung war mehr als mangelhaft und der Zigarettenrauch hat sich auch viel zu schnell verzogen, so dass der zu La Minor passende Hafenspelunkenspirit nicht so richtig aufkommen wollte. Ansonsten: Prädikat wertvoll, auch aufgrund des überraschend guten Soundmixes im Alhambra (mcb).

 
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Zuletzt geändert: 2010/07/09 10:55