Haydamaky (UA)

06.02.2007, Alhambra (Oldenburg)

“Willkommen am Ort der unzähligen Möglichkeiten und gelebter Barrieren”, Willkommen im Alhambra in Oldenburg! An diesem Ort, wo die Polizei, Nazis und jegliches intolerantes Gedankengut keinen Zutritt hat, laden die Oldenburger Sputnik-Konzerte nun schon seit einiger Zeit mit angenehmer Regelmässigkeit Bands aus dem Osten Europas ein. Nachdem wir bereits letztes Jahr das Vergnügen mit Kombos wie Iva Nova, La Minor und Markscheider Kunst hatten, wurde das aktuelle Konzertjahr mit den Haydamaky aus der Ukraine eingeläutet. Umso praktischer, dass die ersten beiden CDs dieser Band (”Haydamaky” und “Boguslaw”) von unserer Klub-Funktionärin frisch aus der Ukraine importiert wurden. Einschlägig vorbelastet konnte ich also bei eisigem Wetter das Alhambra aufsuchen, um die Live-Qualitäten und ein paar Lieder der dritten und neuesten CD zu begutachten. Doch zunächst soll gesagt werden, dass Haydamaky ausserhalb Osteuropas selbst unter den Freunden des Haiduken-Hardcore und Skythen-Ska eher unbekannt sind. In Deutschland lässt sich die Situation womöglich damit erklären, dass die aktuellen CDs mangels Vertrieb nicht in Deutschland erhältlich sind, so dass die seltenen Live-Konzerte die einzige Möglichkeit darstellen, zu einer gewissen Bekanntheit zu kommen. Die aktuelle CD im Gepäck von Haydamaky “Ukraine Calling” ist jedoch Anfang 2006 bei den Berliner EastBlok Music erscheinen, und das sind sehr gute Nachrichten, um das Fazit dieses Konzertes ein wenig vorweg zunehmen.

Nun aber endlich zum Konzert! Oder doch nicht? Haydamaky sollten noch ganz warm aus Heidelberg aufschlagen, doch das Wetter führte sämtliche exitierende Zeitplanung ad absurdum, so dass die Besucher des eher mittelmässig gefüllten Alhambra sich noch bis kurz vor 23:00 gedulden mussten. Aber egal, es gibt ja vor Ort das recht preiswerte Jever Pilsner. Da bei Konzertankündigungen bekanntlich eine möglichst kreative Beschreibung des Musikstils unvermeidlich, ja fast schon verbindlich ist (Klub 40º macht diesbezüglich ebenfalls keine Ausnahme und auch keine Gefangenen), wusste der gut informierte Konzertbesucher, was an diesem Abend zu erwarten war. Nämlich: Carpathian Ska, Ukrainian Dub Machine und Hutzul Punk. Soweit alles klar?

Und mit Karparten-Ska ging es auch sofort ohne viel Worte los: ein Lied von von der furiosen ersten CD, dicht gefolgt von einem weiteren Kracher, um dann mit dem ruhigeren Titel-Song der zweiten CD, die Vorstellungsrunde des “Haydamkay Soundsystem” (Bandvorstellung des Sängers Oleksandr Yarmola) erstmal zu beenden. Die zunächst 6-köpfige Band scheint aus dem Tourbus sofort auf die Bühne gefallen zu sein, und überboten sich im Verpennt-Aussehen, da konnte auch der rabiate Einstieg erstmal für eine ganze Weile nichts dran ändern. Das ist wohl der Preis für das harte Tourleben. Geschenkt! Der erste Moment, wenn eine Band aus dem Osten die Bühne betritt ist immer extrem spannend, allein schon wegen ihrer (Ver)Kleidung. Sänger und Bassist gaben sich eine Tatarenhose jeweils in Schwarz bzw. Weiss, wobei der Bassist mit passendem Oberhemd etwas wie ein Karpartenjesus daher kam. Der Sänger belies es indessen bei einem modernen Sport-Jäckchen. Mit seiner Vollglatze und dem entsprechenden Oberlippenbart kommen einen dennoch zwangsweise Assoziationen mit dem säbelrasselnden Dshingis Khan. Das dieses Bild nicht ganz am Bart herbeigezogen ist, sollte sich später noch zeigen. Der restliche bislang sichtbare Teil der Band kleidete sich sportlich im Jogging-Outfit. Warum ist das überhaupt erwähnenswert? Weil die Kleidung ziemlich direkt den Brückenschlag zwischen westlichen Klängen und traditionellen Melodien reflektiert. Die E-Guitarre steht direkt neben dem Akkordeon dessen Instrumentalist Ivan Leno, virtuos mal nebenbei die Zymbal, sowie Keyboard und Sampler bedient. Vor dem E-Bass steht eine riesige Trommel, die uns angenehm an den grandiosen moldawischen Grand Prix Beitrag von Zdob Şi Zdub “Bunika Bate Doma” erinnert, nur das die Oma dazu fehlt. Schmuckstück des Abends war allerdings die kleine Hirtenflöte des Sängers, die alenthalben als Intro oder mit dem Akkordeon als melodietragendes Element gespielt wurde.

Doch zurück zur Musik: Die erste Hälfte des Konzerts wurde ganz deutlich von den Songs der ersten beiden CDs dominiert. Eine Definition des Musikstils der Band fällt dabei enorm schwer, da Haydamaky ein ziemlich weites Spektrum an musikalischen Einflüssen aus ihrer ukrainischen Heimat, sowie der Westwelt miteinander verschmelzen. Da gibt es zunächst die langsamen stellenweise raggaeartigen und schnellen Ska-Rythmen, natürlich getragen von E-Guitarre und Trompete, zum Teil soundtrackartige kleine Pophymnen, klassischen Folk, sowie ausgewachsene Punk-Polka, zu der im Alhambra auch schon Andeutungen einer Pogogrube zu sehen waren. Gewürzt wird das alles durch regelmässige Beiträge des Akkordeons, sowie der Zymbal, die dem Sound sogar einen gewissen orientalischen Anstrich geben. Haidamaky haben während der letzten CDs den heftigst tanzbaren Anteil ganz deutlich zugunsten von eher ruhigeren Folk-Pop/Rock reduziert, auch wenn auch auf der “Boguslaw”-CD noch der ein oder andere Pogogrubengräber enthalten ist. Die neuen Lieder von der Ende Februar hier erhältlichen CD “Ukraine Calling” verfolgen diesen Trend offenbar noch weiter und werden musikalisch mit einer 26-saitigen Mandoline ergänzt. So geschehen zumindest auf der Bühne, wo sich ab und an das siebte Mitglied der Gruppe mit eben jenen Instrument zeigte und dessen Präsenz zur zweiten Konzerthälfte deutlich mit der Vorstellung einer Auswahl der neuen Lieder zunahm. Der Sound wurde dadurch noch traditonell-folkiger geprägt, und Oleksandr Yarmola gab einige ätherische Tanzeinlagen zum Besten, die an die mondanbetende Darbietung von Iva Nova Sängerin Nastia Postnikova erinnerte. Ganz bemerkenswert ist ebenfalls, wie sich Haydamaky mal mehr, mal weniger dezent, bewusst oder unbewusst, an prominenten Melodien vergreifen. Immer mal wieder hat man diesen Wiedererkennungseffekt, sei es die Melodie eines populären russischen Folksliedes, oder eines Diskobrüllers aus den 70ern oder 80ern und ganz auffällig die Melodie von “You are my sunshine, my only sunshine”, die sich in “Ой, то не Ружа” verbirgt.

In der Live-Vorstellung haben Haydamaky eine sehr ausgewogene Mischung zwischen den vielen Extemen ihres musikalischen Werks präsentiert. Von den kräftigeren Ska- und Polka-Songs wurden selten mehr als zwei Stücke hintereinander gespielt, so dass die Tanzwütigen Alhambra-Besucher über den ganzen Abend im Prinzip immer mal wieder gasgeben konnten. Insofern hatten Haydamaky das Publikum ganz vorbildlich im Griff. Etwas Boygroup-Sprit kam auf, als sich Oleksandr Yarmola nach einigen Songs seines Sportjäckchens entledigte und den Rest des Abends lediglich mit Tartarenhose bekleidet bestritt. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Band offenbar auch eingespielt und gab ein nicht mehr ganz so katastrophal gerädertes Bild ab. Passend zu freien Oberkörper und Tartarenoutfit wurde dann auch noch ein Gerät, das einem Schwert ohne Griff ähnelt als Perkussionsinstrument verwendet. Eine sehr stimmige Performance, wie auch Trompeter Eugeniu (Hayduk) Didic (offenbar aus Moldawien), sowie Akkordeonist Ivan Leno streckenweise etwas dick aufgetragenen Posen nicht vollkommen verschlossen waren. Aber das verzeiht man gerne. Nach reichlichen musikalischen Beiträgen gab es dann noch eine deftige Zugabe und warme Abschiedsworte von Oleksandr Yarmola, wofür man Leben sollte, und wie man ewiges Leben erlangt. Naja, kann ja mal nicht schaden. (mcb)

 
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Zuletzt geändert: 2010/07/09 10:55