...so nennt man in Russland, Weißrussland und der Ukraine das Mittsommerfest oder den Johannistag am 7. Juli. (Die Datumsabweichung – Mittsommer ist nach unserem Kalender der 20., 21. oder 22. Juni – ergibt sich dadurch, dass man in Russland bis 1918 nach dem Julianischen Kalender gerechnet hat, der gegenüber dem Gregorianischen um etwa vierzehn Tage verschoben ist.)
Ursprünglich ein heidnischer Fruchtbarkeitsritus, wurde Ivan Kupala von der orthodoxen Kirche akzeptiert und mit dem Namenstag Johannes des Täufers assoziiert, welcher altrussisch „Ivan Kupala“ genannt wird.
Seit jeher gilt die Nacht vor Ivan Kupala als eine Nacht, in der allerlei Geister, Hexen, Nixen und Teufel ihr Unwesen treiben. Man sollte sich in dieser Nacht nicht schlafen legen, sondern all die seltsamen Dinge, die da vor sich gehen, wachsam im Auge behalten. Gleichzeitig kann einem diese Nacht den Blick in die Zukunft eröffnen: es gibt den Brauch, dass junge Mädchen Blumenkränze winden und diese auf Flüssen oder Bächen schwimmen lassen. Treibt der Kranz eines Mädchens auf eine Ortschaft zu, so lebt ihr zukünftiger Mann in diesem Dorf. Neben dem Element Wasser ist das Feuer von besonderer Bedeutung. So gibt es auch den Brauch, dass junge Frauen und Männer über die Flammen eines Lagerfeuers springen. Insgesamt ist die Nacht vor Ivan Kupala eine wilde, geheimnisvolle Nacht, die nicht einer gewissen Erotik entbehrt. Heute ist die Nacht vor Ivan Kupala vor allem ein Anlass, mit Freunden draußen eine fette Party zu feiern – mit einem Lagerfeuer und natürlich viel, viel Wodka. Doch Obacht! – behalte immer Deinen Nachbarn gut im Auge. Er könnte plötzlich Hörnchen auf dem Kopf oder spitze Eckzähne haben…
Der russische Dichter Nikolaj Gogol (1809 – 1852) wählte die Nacht vor Ivan Kupala als Hintergrund für eine schaurig-schöne ländliche Erzählung mit dem Titel „Johannisnacht“. Die Geschichte erschien 1831/32 in dem folkloristisch inspirierten Erzählband „Abende auf einem Weiler bei Dikanka“, der grotesk-satirische, burleske, zuweilen auch schaurige Geschichten versammelt. Teufel, Hexen und Geister sind in diesen Geschichten allgegenwärtig.
In der „Johannisnacht“ findet ein altes Mythenthema Verwendung: Um zu Macht und Reichtum zu gelangen, muss unschuldiges Blut vergossen werden. Der mit Hilfe des Bösen erworbene Reichtum ist jedoch nicht von Bestand und zieht schließlich seine Besitzer ins Verderben.
In einem ukrainischen Dorf: der arme Knecht Petrus und Pidorka, die Tochter des reichen Kosaken Korsh, lieben sich und wollen heiraten. Doch der Vater Pidorkas ist aufgrund der Armut des Knechts gegen diese Verbindung. Im Dorf geht ein Teufel in Menschengestalt mit Namen Basavrjuk um, von dessen Herkunft niemand etwas weiß. Basavrjuk säuft, gibt das Geld mit vollen Händen aus und stellt den Mädchen nach. Sein Gesicht ist eine Fratze mit borstigen Augenbrauen und Haaren, die Augen ähneln denen eines Ochsen. Die Mädchen, die von Basavrjuk Geschenke annehmen, werden nachts von einem gehörnten Kerl aus dem Sumpf heimgesucht...Dieser unheimliche Sonderling Basavrjuk verspricht nun dem unglücklichen Petrus, ihm zu Reichtum zu verhelfen, wenn dieser ihm einen Dienst erweist. Obwohl Petrus weiß, mit wem er sich da einlässt, willigt er ein und trifft sich um Mitternacht mit Basavrjuk im Wald. Es ist Johannisnacht, die Nacht vor Ivan Kupala. Nur in dieser Nacht blüht ein Farnkraut, welches einem die Stelle weist, an der ein Schatz vergraben ist. Petrus pflückt das blühende Kraut und stößt dabei auch auf einen Schatz, kann diesen jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht heben. Eine plötzlich auftauchende Hexe belehrt Petrus, dass, um an den Schatz gelangen zu können, Menschenblut vergossen werden müsse. Kaum hat sie dies ausgesprochen, erscheint auf wundersame Weise der sechsjährige Bruder Pidorkas an dem düsteren Ort. Die Hexe weist Petrus an, dem Kind den Kopf abzuschlagen. Vom Glanz des Schatzes berauscht, vollführt Petrus nach einigem Zögern die grausige Tat und eilt mit dem Schatz nach Hause.
Nach schwerem Schlaf erwacht Petrus nach zwei Tagen und zwei Nächten in seiner Hütte und findet zu seinem großen Erstaunen Goldsäcke zu seinen Füßen. Er kann sich nämlich an die Nacht im Wald nicht erinnern und auch die Nachricht vom plötzlichen Verschwinden des kleinen Bruders Pidorkas hilft seinem Gedächtnis nicht auf die Sprünge. Da Petrus nun reich ist, steht einer Hochzeit mit Pidorka nichts mehr im Wege. Doch Petrus wird nicht glücklich, da er beständig versucht, sich jene Nacht im Wald ins Gedächtnis zu rufen. Er zermartert sein Hirn so sehr, dass er schwermütig und wahnsinnig wird. Die verzweifelte Pidorka weiß sich schließlich keinen anderen Rat, als die Hexe aus dem Wald herbeizurufen. Beim Anblick der Hexe fällt Petrus augenblicklich seine schreckliche Tat wieder ein und er geht mitsamt dem Gold in Flammen auf, so dass nur ein Häufchen Asche und Scherben übrig bleibt.
Pidorka tritt zur Buße ins Kiever Kloster ein, der Priester besprengt alle Häuser des Dorfes mit Weihwasser – umsonst. Der Teufel Basavrjuk geht weiterhin im Dorf um, welches doch eigentlich einen so friedlichen und stillen Eindruck macht: “[...] Ein anderes Mal ereignete sich folgende Geschichte: der Kirchenälteste, der die Angewohnheit hatte, ab und zu ein Zwiegespräch mit Großvaters Schnapsglas zu führen, sah einmal, als er es noch keine zweimal geleert hatte, wie das Glas sich vor ihm verneigte. ‚dass dich der Teufel!’ rief er aus und begann sich zu bekreuzigen...Auch seine Ehehälfte erlebte ein ähnliches Wunder; kaum hatte sie in einem riesigen Trog Teig zu kneten begonnen, als der Trog plötzlich in die Höhe sprang. ‚Halt! Halt!’ Aber der Trog hörte nicht auf sie: stolz und würdevoll tanzte er durch die Stube... Lacht nur darüber! Aber unseren Großvätern war es gar nicht so lustig zumute. Obwohl P. Afanasij mit dem Weihwasserfass durchs ganze Dorf ging und den Teufel mit dem Weihwedel zu vertreiben suchte, klagte die Tante meines gottseligen Großvaters noch lange Zeit darüber, dass jemand jeden Abend auf das Dach klopfte und an den Wänden kratzte.”
Die Ukraine oder Kleinrussland, wie man damals sagte, war Gogols Heimat. Er wurde am 20. März (nach unserem Kalender der 1. April) 1809 als Sohn eines Gutsbesitzers in Welikie Soročincy im Gouvernement Poltawa geboren. Die Namen der Orte, die mit seiner Geburt verbunden waren, hat er in dem Erzählband „Abende auf einem Weiler bei Dikanka“ verewigt. Sowohl in diesem Band, als auch in seinen späteren „Petersburger Erzählungen“ spielen Teufelstreiben und dämonische Mächte eine wichtige Rolle.
Kindheitserinnerungen Gogols deuten auf die Bildung eines von Angst und dem Gefühl des Alleinseins geprägten magisch-dämonischen Weltverständnisses bereits in früher Kindheit hin. So soll Gogol im Alter von fünf Jahren eine Katze ertränkt haben, da er in ihr unheilvoll-dämonische Kräfte vermutete. Auch später lebte er in der beständigen Angst, dämonischen Mächten zum Opfer zu fallen. Beeinflusst war Gogol zum einen durch das mittelalterliche Bild des Teufels, wie er es aus religiösen Schriften kannte, sowie durch das traditionelle ukrainische Puppentheater (vertep) und die Volksbilderbögen (lubki). Zum anderen stand er unter dem Einfluss E.T.A. Hoffmanns und Ludwig Tiecks. Insbesondere die späteren „Petersburger Erzählungen“ lassen in ihrer Darstellung des Phantastischen eine Nähe zu Hoffmann erkennen.
Wer übrigens glaubt, Kürbisse als Attribut des Unheimlichen und Dämonischen seien einzig ein Kennzeichen des Tim Burton’schen Animationsfilms, der kann ja mal bei Gogol nachlesen...(ak).