Die Heiducken waren in Ungarn und auf dem Balkan ursprünglich die Treiber riesiger Viehherden, die sich später aber auch als Freiheitskämpfer (gegen die osmanische Herrschaft), Söldner und Räuber betätigten und so zu echten Volkshelden wurden - und “Zdob Şi Zdub” sind das moderne Gegenstück zu den alten Rauhbeinen!
Die Band kommt aus Chişinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, und ist der Beweis, daß man auch als ehemalige, Sportstudenten unglaubliche Musik machen kann. Vielleicht gibt es noch eine ausgleichende Gerechtigkeit auf der Welt, denn die beste Band des Ostens kommt tatsächlich aus Moldau, einem der kleinsten, ländlichsten und ärmsten Länder der GUS.
Zdob Şi Zdub bekommen auf ihre einmalige Art den Spagat zwischen westlicher Popkultur, moldawischer Folklore und einer glaubhaften Haiducken-Attitude hin. Während ihres 12jährigen Bestehens haben Zdob Şi Zdub vier Alben veröffentlicht. Weiterhin gibt es ein Album mit gruseligen Remixen und ein Best-of-Album. Ein weiteres Best-of-Album mit neu eingespielten Versionen ihrer Lieder ist in Vorbereitung und soll zum Herbst dieses Jahres erscheinen.
Angefangen haben Zdob Şi Zdub als moldawisch singende Hardcore-Band. Nebenbei bemerkt, amerikanischer Hardcore war in den 90er Jahren extrem angesagt, um das postsowjetische Transformationstrauma zu bewältigen. Bis auf ein Lied ist das erste Album “Hardcore Moldovenesc” allerdings ein wenig langweilig, weil die ewig wummernden Gitarren keine Überraschungen bieten und der Reiz der fremden Sprache auch bald nachläßt.
Mit ihrer zweiten Platte aus dem Jahr 1999 “Zdubi bateţ tare” (in der russischen Ausgabe lautet der Titel “Tabăra noastra”) sind Zdob Şi Zdub auf den damals sehr aktuellen und von der ukrainischen Band VV (Vopli Vidoplyasova) sehr erfolgreich entwickelten Ethno-Crossover-Zug aufgesprungen, den sie danach nie wieder verlassen haben und der sich mittlerweile zu einem Hochgeschwindigkeitszug entwickelt hat. Neben zwei Coverversionen von VV sind auf der Platte Lieder vertreten, die schon all die wesentlichen Elemente haben, die ihre Musik so unvergleichlich gut macht: die Härte (Hardcore-Wummergitarre und Hau-Drauf-Schlagzeug), ungewohnte Rhythmen, die leicht orientalisch klingen, gezielter Einsatz von typischen Instrumenten aus der moldawischen Folklore (Trompete, Trommel, verschiedene Hirtenpfeifen und Hackbrett), sowie Versatzstücke von Volksliedern. Die Besonderheit liegt im Arrangement, denn sie knüppeln nicht einfach ihre Lieder runter, sondern kombinieren in kleinen Einheiten die verschiedenen Elemente miteinander und das auf eine Art und Weise, die fast schon symphonisch ist. Und daß die moldawische Sprache, die teilweise im folkloristischen Sprechgesang vorgetragen, extrem wohlklingend und reizvoll ist, kommt den Liedern natürlich auch zu Gute. Zu recht haben Zdob Şi Zdub mit dieser Platte auf dem russischen Musikmarkt Fuß gefaßt, denn sie ist exotisch, schnell, hart und verdammt gut!
Nach zwei Jahren erschien 2001 das dritte Album “Agroromantica”, das schon sehr viel eingängiger als der Vorgänger war. Viele Lieder sind eher im Rock und Humpa, als im Hardcore verortet, und sie wirken insgesamt gefälliger und poppiger. Das soll nicht wertend sein, denn auf dem Album jagdt ein Hit den nächsten! (okay, ein Lied fällt ganz schlimm dramatisch-rockballadenmäßig aus dem Rahmen und ist wirklich ziemlich gruselig, aber geschenkt). Zu der moldawischen Folklore-Komponente tritt auf diesem Album die Roma-Komponente musikalisch und inhaltlich verstärkt hinzu. Das klingt vielleicht seltsam (Hardcore und Roma-Musik?), paßt aber ganz wunderbar zusammen, schließlich sind die Roma die wahren “Punks” des Ostens. Als unfreiwillige Außenseiter sind sie in vielen Ländern Osteuropas häufig als der “Dreck” der Gesellschaft angesehen, der aber über eine faszinierende Kultur und eine unglaublich rasante Musik verfügt. Zdob Şi Zdub covern ein Lied von der international beachteten und schon zu Filmstars avancierten rumänischen Romaband “Taraf de Haidouks” (die Band spielte an der Seite von Johnny Depp in dem mittelmäßigen Streifen „In stürmischen Zeiten - The Man Who Cried“) und erwähnen vielfach in ihren Texten “Fanfare Ciocărlia”, die andere international beachtetete rumänische Romaband. Ansonsten wird auf der Platte, wie in dem Titel schon angedeutet, die Idylle des Ländlichen besungen, mal volkstümlich, mal ironisch. Wir erfahren etwas über die Maisbrei-Manie (Mămăligamania), den Traktor (Tractorul), den Frühling (Primăvara) und verschiedene Volkstänze (Hora, Sârba). Aber es droht auch “Gefahr” von außen: in den ländlichen Raum dringt das Fremde ein...in Form von Außerirdischen, die...einem Roma begegnen. (Dieses Lied ist auch auf Kaminers “Russendisko”-CD gelandet.)
Nach dem gefälligen “Agroromantica”-Album überraschten Zdob Şi Zdub damit, daß sie den eingeschlagenen Weg nicht in der zu erwartenden Weise fortsetzten. Anstelle eines für die Masse weichgespülten typischen Ost-Poprock-Albums, lieferten sie 2003 mit “450 de oi” (”450 Schafe”) ein Album ab, das sich erfrischend anders weiterentwickelte. “450 de oi” ist eine Synthese aus den beiden Vorgängeralben, es geht aber auch weit darüber hinaus: zu den wieder erstarkten Hardcore-Wurzeln, den noch ausgeprägteren und gänzlich verschiedenartigen Folkloreelementen, treten unterschiedliche westliche musikalische Einflüsse hinzu: Ansätze von Pop, Hip Hop und Dub – und das ganze mal wieder im perfekten Arrangement! Die verschiedenen Fragmente aus Rhythmen, Beats und Instrumente schieben sich übereinander und ergeben eine geradezu wahnwitzige Komposition. Der Gesang von Roman Jagupov präsentiert sich in einer neuen, ganz ungeahnten Vielfalt: er singt, schreit, rapt, “knödelt” und rezitiert. Unterstützt wird er durch einen Kinderchor, DJ Vasile (einem Roma-Musiker) und den “Osoianu Sisters”. Thematisch ist “450 de oi” in Transilvanien angesiedelt, womit der Brückenschlag zwischen der moldawischen und rumänischen Nachbarkultur gelang. Die transilvanische Landschaft prägenden Schafsherden und Schäfer werden in mehreren Liedern besungen, und das durchaus auch kritisch: “Der Schäfer will von seinen Schafen weg” heißt ein Lied. Dazu kommen Volkslieder, die den Kuckuck zum Thema haben und Lieder (”Ruţa-ruţa”, “Everybody in the casa mare”), die in Hip-Hop-Manier einen auf dicke Schürze machen. “450 de oi” ist härter, poppiger, volktümlicher und westlicher als die Vorgänger, ist aber auch das Ergebnis einer konsequenten Weiterentwicklung ihrer Musik.
Zdob Şi Zdub sind sowohl auf dem russischen, als auch auf dem rumänischen Musikmarkt vertreten und haben ihre Alben in verschiedenen Ausgaben herausgebracht. Moldau ist ein Brückenland zwischen Rußland und Rumänien. Es gehört zum rumänischen Kulturkreis, ist aber als ehemalige Sowjetrepublick und Mitglied der GUS nach Rußland orientiert. Die russische Ausgaben unterscheiden sich von den rumänischen nur durch andere Cover und durch russische Versionen (mit einem herrlichen rumänischen Akzent!) von einigen Liedern. Auf dem rumänischen und dem GUS-Musikmarkt sind Zdob Şi Zdub in ihrer Sparte Superstars, die dementsprechend auch ordentlich vermarktet werden. Wenn man sich die offiziellen Promo-Photos der Band anschaut, dann könnte man meinen, man hätte es mit einer albernen, schlimmen Boyband zu tun: es wird gepost, was das Zeug hält. Aber die Band ist auch ein wunderbares Beispiel dafür, daß in Osteuropa und vor allen Dingen in der GUS der Musikmarkt anders tickt. Wirklich alternative Strukturen existieren nur marginal, insofern lassen sich dort auch keine westlichen Moralregeln anlegen, von wegen die Alternativen sind die Guten und die großen Stars sind die Bösen. Als Band kann man nur halbwegs erfolgreich sein, wenn man sich nach Strich und Faden vermarktet (nur dann kann man vielleicht ein wenig von seiner Kunst leben). Daß dann trotzdem so geniale Musik herauskommt, zeigt, daß Zdob Şi Zdub über echte “Punk-Qualitäten” verfügen und trotzdem einfach ihr “Ding” machen.
2005 sind sie beispielsweise beim Eurovision Song Contest angetreten und haben quasi aus dem Nichts einen fulminanten 6. Platz hingelegt! Und das mit einem eher schwachen Lied, das sie sich schnell aus Elementen eines alten Hits zusammengezimmert haben. “Boonika bate doba” (”Großmutter schlägt die Trommel”) war allerdings das einzige Lied im ganzen Wettbewerb, das ein wenig etwas mit Landeskunde zu tun hatte. Darin geht es um eine Großmutter, die irgendwo in einem abgelegenen Dorf wohnt, aber so voller Energie Trommel spielt, daß im Vergleich zu ihr diese japanischen Power-Trommler einpacken können. Und damit das dann ein wenig anschaulicher aussieht, haben sie die wirklich niedliche Oma in Tracht und mit Trommel gleich mitgebracht. Einerseits war dies ein sehr wirklungsvoller Showeffekt, der gut beim internationalen Publikum ankam (”Trommel-Omi”), aber andererseits wurde auch ein Stück authentischer Musikkultur und Realität des Landes präsentiert, denn solche Omas gibt es in Moldawien wirklich!
Bei der anschließenden Tournee im Sommer 2005 hatten Zdob Şi Zdub dann die Großmutter und den dazugehörenden Großvater mit im Gepäck, die als Vorprogramm mit Trommel und Hirtenflöte ausgerüstet moldawische, archaisch anmutende Volksweisen gesungen haben, bevor dann die Jungs auf der Bühne den Heiducken raus ließen.
Live ist die Band übrigens ein grandioses Erlebnis, denn sie sind echte Profis, die nicht nur ihren Instrumenten diese wahnsinnige Musik entlocken können, sie sind auch noch nett anzuschauen (Auge hört schließlich immer mit!) - vor allen Dingen wenn Sänger Roman Jagupov in Adidas-Hose und moldawischer Trachtenschürze (schaut aus wie ein bunter Teppich und hängt immer locker um den Hüften) wie ein Flummi elastisch über die Bühne hüpft!
Und da stellt sich nun konsequenterweise die Frage, warum hier kein Schwein Zdob Şi Zdub kennt, wenn sie doch eigentlich zu den ganz Großen gehören. Über kurz oder lang werden sie aber sicher auch hierzulande bekannter werden, denn sie sind einfach wie keine andere Band aus dem Osten fürs westliche Ohr gemacht. Es stecken genügend westliche Musikeinflüsse drin, so daß einem bestimmte Grundrhythmen vertraut sind, es ist genügend Krawall drin, daß der Punker in einem frohlockt und es klingt durch die Folklore- und Roma-Elemente einfach total fremd und exotisch. Bislang wurde die Band in Deutschland nur ganz vereinzelt auf Folklorefestivals präsentiert, aber da sind sie, ehrlich gesagt, nur bedingt gut aufgehoben. Zdob Şi Zdub gehören in einen anderen Kontext und in die richtigen Klubs! Aber der Anfang ist gemacht: das letzte Album ist auf BMG Austria rausgekommen (und somit dem europäischen Musikmarkt zugänglich), und Produzent und Trend-DJ Shantel vom Bucovina-Club hat sich auch schon an ihre Füße geheftet. Man darf gespannt sein, was auf uns noch alles zukommt! (kl)
Homepage:
http://www.zdob-si-zdub.com/
Unter der Rubrik “Media” finden sich mp3-Fragmente und richtig interessante und richtig schreckliche Photos!